Isa´s Leben bei Frau Katharina
Bild 1 - nach Balthus: Isa bei Frau Katharina
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Neulich fand ich (Aryaman) die gemalten Bilder von den Mädchen des Malers Stanislas Klossowski de Roda aus Frankreich, genannt
Balthus, interessant.
Daraufhin kaufte ich mir sein Buch „Balthus“, herausgegeben 2001 im Parkland Verlag Köln.
Aus des Balthus´ Kunst habe ich mir diese Geschichte erfunden und mit zwei eigenen Bildern — plagiiert nach Balthus — versehen. Die Geschichte macht mir Freude, aber sie ist auch ein Hinweis, wo die Bedürfnisse vieler Menschen liegen, nämlich die gelegentliche Rückkehr in frühe Kindheit, ganz emotional, ganz an die körperlichen Erlebnisse gebunden — die ja so sehr vernachlässigt sind in vielen Familien, ja von der Gesellschaft (in die wir ja alle eingebettet sind) abgelehnt. Und Balthus hat dem ein Podium gegeben, für Mädchen, übrigens Otto Lohmüller für Jungen, doch letzterer traut sich da weniger, oder sieht das anders als Balthus es sieht. An den Schluß setze ich noch einen Kommentar zu meiner Geschichte.
Diese Geschichte ist recht altmodisch und passt nicht mehr in die heutige Zeit. Dennoch: ein wenig Historie für euch.
„Sehr verehrte Frau Katharina,“ so begann ich meinen Brief an meine Geige-Lehrerin; — wenn ich das so gesprochen hätte, wäre meine Stimnme zitterig gewesen, aber so konnte ich mein Anliegen schreiben. Auch meine Hand und die Füllfeder zitterten, und ich mußte den Brief drei Mal schreiben, eher er glatt und ordentlich ausfiel und ohne Fehler.
„Sehr verehrte Frau Katharina, Sie kennen mich noch nicht lange, und dennoch möchte ich Sie bitten, daß ich in den Herbstferien bei Ihnen wohnen und leben darf. Meine Eltern werden in den warmen Süden reisen, wie sie sich ausdrücken, und nun suche ich eine Bleibe. Mit meinen Eltern möchte ich nicht reisen, und ich glaube, sie wären sowieso lieber allein. Sie, verehrte Frau Katharina, wissen ja, daß ich mit meiner Mutter nicht so gut zurechtkomme, und sie mit mir ja auch nicht, und bei Ihnen fühle ich viel Wärme und Verständnis für meine alles umfassende Liebe.“
So manchen kleinen Roman habe ich schon gelesen, meistens Liebesromane aus dem vorigen Jahrhundert, also aus den achtzehnhunderter Jahren, und aus ihnen habe ich so manche Formulierungen übernommen, die ich benutze, wenn ich mit Frau Katharina zusammen bin. Eigentlich heißt sie Katharina Holtzmann, doch ich nenne sie bei mir Frau Katharina Mägdefrau, ein Name, den ich mal gehört hatte. Denn ich finde es abscheulich, wenn Frauen immer Männer-Nachnamen haben, wieso eigentlich, sie sind doch keine Männer, und schon gerade nicht: sie gehören doch nicht den Männern. Und ich darf sie mit Frau Katharina anreden, was ich liebendgerne tue.
„Am Donnerstag, dem nächsten Geige-Unterricht in Ihrer Wohnung, werde ich Sie dann fragen, bitte, sagen Sie, daß das geht, und daß Sie gerne möchten, wenn ich bei Ihnen bin.
In Verehrung Ihre Isa mit der Geige.“
Den Brief ließ ich — wieder zitternd, auch zögernd — in ihren Briefkasten fallen, als ich zur Schule gehend an ihrem Haus vorbeikam. Nachmittags war ihre Antwort schon da:
„Liebe Isa mit der Geige, Dein Brief hat mich sehr erfreut, ach, Du weißt doch, ich liebe Dich wie wenn Du meine Tochter wärest. Natürlich darfst Du kommen. Es wird ja für zwei ganze Wochen sein, und wir können ordentlich viel Geige spielen und miteinander lernen und für uns allein schöne kleine Hauskonzerte machen, und auch sonst gute Zeiten miteinander haben. Bitte komm!
Bis zum Donnerstag.
In Liebe Deine Frau Katharina.“
Die Ferien werden erst in ein paar Wochen sein, doch an meinem nächsten Unterrichtsgang zu ihr war es mir, als wenn ich zu einem Liebes-Rendezvous ginge, was ich allerdings nur aus meinen Büchern kenne. Ich habe so etwas noch nie selbst erlebt. Und irgendwie soll dieser Besuch ja so etwas sein, ein Liebes-Rendezvous, da geht mein Sehnen hin. Meine Liebe zu Frau Katharina ist so stark, wie sie zu einem Jungen nie sein kann, glaube ich.
Ganz besonders hatte ich mich heute gekleidet, hatte lange vor dem Spiegel gestanden (meine Mutter bemerkte spöttisch: es ist doch nur zu Frau Holtzmann), hatte meine langen dunklen Haare lange gekämmt, ein wenig Rouge auf die Wangen gelegt und eine viertel Stunde nach dem richtigen Halskettchen für diesen Nachmittag gesucht, schließlich nahm ich eine Kette aus runden dunkelgrünen Steinen mit einem kleinen goldenen Medaillon unten dran.
Ein langes Kleid suchte ich mir raus, das aus einem weiten schwarzen Rock besteht, der bis über die Knie runter reicht, mit einem Oberteil aus einem feinen rot-rosa Karomuster und einfachen langen Ärmeln. Und feine graue Baumwollstrümpfe, ein hell-dunkelgrün gemustertes Halstuch, es ist wohl aus Seide, und mein Vater hat es mir mal von einer seiner langen Reisen mitgebracht. Meine elegantesten Schuhe sind schon halbe Pumps, mit etwas erhöhten Absätzen, in Schwarz mit einem kleinen Zierschleifchen oben drauf, die holte ich mir aus dem Schuhschrank.
Der Weg zu Frau Katharina ist nur zehn Minuten, es ist herbstlich kühl und stürmisch und mit etwas Regen, die Blätter fliegen umher und bedecken dicht die Wege in dem Park, an dem ich vorübergehe. Mein dicker beiger Wollmantel schützt mich vor dem Wetter, es ist ordentlich warm darin. Die Haare fliegen wild im Sturm und müssen nachher wieder gekämmt werden — vor Frau Katharinas Spiegel auf dem Flur. Die Haare erinnern mich an die Krähen, die ebenso wild vom Sturm durch die Luft gewirbelt werden. Ich wundere mich, wie die das überhaupt schaffen. An den Beinen ist es mir aber etwas kühl, Mantel und Kleid bedecken sie ja nicht ganz, und die Strümpfe sind zwar warm, aber nicht warm genug für dieses Wetter, und der Kleid-Rock ist unten so weit offen, daß er manchen Windzug nach oben dringen lässt. Dennoch, bis zu einem gewissen Grad mag ich diese Kühle.
Zögernd klingele ich an Frau Katharinas Tür. Sie öffnet ... ach diese besondere Tür, vom Hausflur aus in ihre Wohnung, die im Erdgeschoß mit Ausgang zum hinteren Garten liegt. Diese Tür ist creme-farbig lackiert und glänzt wie neu, sie hat zwei Fenster nebeneinander, hinter denen weiße Gardinen gespannt sind. Nach oben ist die Tür leicht gewölbt — wie der Rahmen auch, natürlich. Und der Türgriff: er ist aus Messing, blank und spiegelnd, geformt wie ein großes Schneckenhaus, wie aus einem alten Märchenbuch genommen. Der Griff ist auf eine Messingplatte an der Tür montiert, die wie Blätter eines Baumes geformt ist, drei Blätter um den Griff angeordnet, so ein Baum steht vor dem Haus, er wird Gingko genannt. Jetzt im Herbst sind seine Blätter gelb, begeisternd schön.
Der Türrahmen ist breit und ebenfalls creme-farbig lackiert, doch ein schmaler hell-orange Strich zieht sich rund herum, entlang der Mitte jedes Brettes des Rahmens.
In der Mitte der Tür ist einer dieser metallenen Drehgriffe für eine Glocke innen. Ich drehe ihn und die Glocke scheppert eher als daß sie klingt. So sind die älteren Türen.
Frau Katharina also öffnet — leise sagt sie, „komm, Isa, du bist ja so früh“. Ich werde wohl rot und sage, „ja, ich habe mich so nach Ihrer Wärme gesehnt“.
Sie trägt ein langes Kleid, es ist weit und raschelt, wenn sie geht. Das Kleid ist schwarz und dunkelgrün senkrecht gestreift, jedenfalls unterhalb der Taille. Die dunkelgrünen Streifen verstecken sich hinter den Falten aus schwarzem Stoff, wenn Frau Katharina stillsteht, doch wenn sie sich bewegt und wenn sie sitzt, sehen sie hervor. Und der obere Teil des Kleides ist aus demselben Grün, er ist weit, gebauscht, hat einen Kragen wie ein Herrenhemd und vorne ein paar stoffüberzogene Knöpfe, wieder in Schwarz. Um den Hals trägt Frau Katharina ein beige Tuch geschlungen, ich denke, es ist aus Seide. Die Ärmel des Kleides sind halblang, und am Ende sind sie gerüscht, und ein schmaler Streifen von weißer Spitze sieht heraus.
Ihr Haar ist noch dunkler als meins und hängt heute halblang herunter, es ist etwas zu wild, denke ich; doch Künstler sind wohl so.
Später, wie Frau Katharina auf einem Stuhl mit altmodischer, gerundeter Rücklehne sitzt, sehe ich, sie trägt dunkelgraue Strümpfe und feine dunkelbraune Schuhe, die Absätze sind hablbhoch wie bei meinen Schuhen auch.
Ich hänge meinen Mantel an die Garderobe, wo schon ein tomatenroter Mantel und ein helles Cape hängen.
Dann sehe und wittere ich ein wenig umher — Frau Katharinas Wohnung duftet, einserseits nach Ölfarbe der Türen, sie sind alle so gestrichen wie die Flurtür. Dann nach Bohnerwachs und schließlich nach einem Parfüm, wovon ein Fläschchen im Bad steht. Auf dem Fläschchen — Flacon nennt sie das Fläschchen — ist ein grün-goldenes Schild mit der Aufschrift „4711 - Eau-de-Cologne“. Frau Katharina tropft mir zwei Tropfen innen auf jedes Handgelenk und weist mich an, immer mal wieder daran zu riechen.
Die ganze Stimmung in Frau Katharinas Wohnung ist so ganz anders als bei uns, gediegener möchte ich sagen, ein wenig altmodisch, fein, ruhend — obwohl Frau Katharina gar nicht alt ist, ich schätze sie auf höchstens 30, jedenfalls jünger als meine Mutti. Ich nehme meinen Geigenkasten, und wir gehen in Frau Katharinas Musikzimmer. Sie nimmt mich in ihre Arme, schiebt vorsichtig ein paar meiner Haare zur Seite und küsst mich auf die Stirn, streicht mir leicht mit ihrer duftenden Hand über meine rechte Wange, „wie zart sich deine Haut anfühlt. Du siehst wunderschön aus, Liebes,“ sagt sie einfach.
Ich möchte mich tiefer in ihre Arme und in die raschelnden Falten ihres Kleides fallen lassen — doch habe ich Scheu. Ein paar Tränen möchten in meinen Augen fließen, doch ich bleibe nüchtern, halte meine liebende Rührung zurück. „Komm, wir wollen eine Stunde üben, und ich möchte dir einiges Neues zeigen.“ Sie setzt sich ans Klavier, und nach einigen früheren Übungen, die ich wiederhole, versucht Frau Katharina, mir die Anfangsgründe des Vibrato zu zeigen. Schon wie ich dieses Wort höre, beginne ich wieder zu zittern, meine Sehnsucht nach ihrer Nähe lässt meinen Körper beben, mein Gesicht ist ganz ernst, fast steif. „Vibrato einzuüben passt in deine Stimmung heute, du vibrierst ja schon ohne die Geige zu berühren — was ist mit dir?“
Ich kann nichts sagen — es ist einfach so schön hier. Wohl ist es noch mehr, aber ich kann es nicht ausdrücken. Verlegen sehe ich mich im Raum um, wir sind beide ganz still, nur das Rascheln ... An der Wand sehe ích ein großes Bild, von einem Mädchen, das ein dunkelrotes Kleid anhat, es sitzt auf einem eigenartigen Sofa und hält einen Handspiegel hoch, in dem sich eine Katze ansehen soll. Ich weiß nicht, ob Katzen sich im Spiegel erkennen können, doch das Bild liebe ich. Das Mädchen hat ein Mantelkleid an, und besonders mag ich ihre knallroten Strümpfe, die ich bis weit unter ihr Kleid sehen kann, sie hat es etwas hoch gerafft wie sie da so sitzt. Jetzt erkenne ich, die Strümpfe haben dunkelgraue Streifen in Längsrichtung, von den Füßen bis hinauf unter den Rock verlaufend — und dann das Knallrot dazwischen —, nur oben ist breiter ein hellroter Rand ... und gehalten werden sie von schwarzen Strumpfhaltern — oh, was für eine schöne Kleidung!
Doch noch ist die Stunde nicht um, und statt des Vibrato übe ich einen Ton lange zu halten, einen langen gleichmäßigen Strich zu spielen — ist das eine Vorübung zum Vibrato?
Später höre ich von Frau Katharina: „Das Bild hat mir ein Freund geschenkt. Er hat es extra für mich gemalt weil er weiß, daß ich so ein Sujet liebe. Und er sagte dazu, so könnte ich mir eine kleine Freundin von dir vorstellen ... und nun ...“ Sie kann nicht weitersprechen. „Was ist nun?“ frage ich ungeduldig. „Ja, und nun bist du vielleicht ... hast du rote Strümpfe? Ich möchte dir gerne mal solche schenken, mit langen dunklen Streifen auf knallrot, ein Paar, ja?“ Schweigend und voller Wundergefühl höre ich, „willst du meine kleine Freundin sein? So ähnlich wie der Maler Baldhaus sie dort gemalt hat? Vielleicht hat er dich schon gemalt ... in Vorahnung, denn das Bild ist gewiß schon zehn Jahre alt, da kannte ich dich noch lange nicht, fast bist du da noch in der Kindersportkarre gefahren worden.“
Versonnen sieht Frau Katharina auf das Bild und dann auf mich. „Ja, da ist auch eine Ähnlichkeit zwischen euch beiden.“. Sie steht auf und holt ein feines rosa Tuch, das sie mir um den Hals legt, und küsst mich wieder auf die Stirn.
„Ach, eigentlich haben wir genug geübt.“ Sie geht wieder zu dem Stuhl mit der runden Lehne und fragt unsicher und steif, „willst du dich auf meinen Schoß setzen? Ich würde mich sehr freuen.“ Verlegen stehe ich vor ihr und weiß nicht, was ich will. Ja, das würde ich gerne, doch geht das nicht zu weit? Bin ich noch so klein? Schließlich gehe ich langsam zu ihr und setze mich so, daß sie meinen linken Arm um ihren Hals zieht, und meinen Kopf an ihre rechte Schulter legt. So sitzen wir still zusammen, eine ganze Weile lang. Es kommt etwas hoch in mir, ich fange an zu schluchzen, vor Seligkeit und Freude, „ich liebe sie so, Frau Katharina“ schluchze ich.
Sanft streicht sie mir wieder über das Gesicht. Sie dreht meinen Kopf hervor aus ihren Kleidfalten, streichelt ganz fein meine Lippen mit zwei Fingern, und streicht mir dann über die Brust. Sie muß fühlen, daß meine kleinen Brüste nun etwas harte Knospen haben — das hatte ich noch nie erlebt, ich kenne dieses Gefühl gar nicht. So ist es, immer was Neues — ist mein Leben noch so kurz mit 16 Jahren, daß Neues noch so schnell aufeinander folgt?
... dennoch: mein Körper ist noch ziemlich klein, ich komme mir immer wieder vor wie ein 14-jähriges Mädchen. Und diese Frau ist so groß — ich würde gerne ihr Kind sein, ihre Tochter. Sehnsüchtig schluchze ich noch ein wenig.
Frau Katharina sagt sanft, „es ist doch gut mit uns beiden, ich liebe dich auch, du liebe Isa,“ und streicht wieder über mein Gesicht ... „so ein schönes weiches Gesicht, und so naß von den sehnsuchtsvollen Tränen.“ Sie legt ihren rechten Arm um mich. Mit der linken Hand berührt sie mein Knie, „das darf ich doch?“ Leise und wonnevoll nicke ich, natürlich darf sie, ich mag es so gerne wie ihre Hand mein Knie umfasst. Frau Katharinas Hand schiebt mein Kleid so weit hoch, daß sie die Knie ganz sehen kann.
Langsam schieben sich ihre Finger über meine Knie, und durch die leicht gerippten Baumwollstrümpfe ist das Gefühl so schön. Und wie sie meine Schenkel mit ihrer ganzen Handfläche streicht, die Hände wärmend darauf legt, könnte ich schon wieder zerfallen ...
Frau Katharina schiebt mein Kleid noch höher, und da kommt mir das Gefühl, mich ganz zu öffnen. Ein Gedanke kommt nach oben — zwischen all diesen Gefühlen mal ein richtiger Gedanke: so ein Kleid verschließt uns voneinander, und wenn wir es hochschieben, öffnen wir uns für tiefe Gefühle. Mädchen und Frauen haben es leicht miteinander: einfach das Kleid hochraffen. Für die Menschen mit langen Hosen ist es da schwieriger, deswegen will ich nie Hosen tragen (später, in sehr schwierigen Zeiten werde ich es doch mal tun).
„Gleich wird Herr Baldhaus mich besuchen, er wird durch den Garten und durch die Verandatür hereinkommen. Wir haben uns sehr gerne. Würde es dir unangenehm sein, wenn er uns so sieht?“ Ich denke ein wenig und finde, „nein, es wird mir nicht unangenehm sein, wenn SIE das nur mögen. Ich mag es, meine Liebe auch anderen zu zeigen — wie ich es auch mag, meine Tränen und mein Lachen nicht zu verstecken, alle guten Menschen dürfen mich sehen, meine Gefühle.“
Aber Herr Baldhaus kommt noch nicht. Frau Katharina dreht mein Gesicht zu sich hin und berührt meinen Mund still mit ihren Lippen. Bisher hatte ich nur — gelegentlich muß ich gestehen — meine Mutti geküsst, so zum Gruß, mehr nicht, — meinen Vati sehr selten, ich mag das bei ihm nicht: seine Bartstoppeln sind mir unangenehm, und ich habe Angst, daß er meine zarten Lippen zerkratzt. Außerdem raucht er viel, und sein Atem riecht unschön, richtiger: er stinkt ...
Doch Frau Katharinas Kuß, so leicht und so voller Reinheit und Düften und Liebe ... auch wieder etwas ganz Neues, es berührt mich ganz tief, zieht sich durch meinen ganzen Körper, bis unten hin. Wieder dieses Vibrieren überall, dieses feine Zittern, besonders da unten im Unterbauch und zwischen den Schenkeln. Frau Katharina sagt, „berühre doch mal mit einem Finger meine Kehle, fühle wie weich sie ist, und doch hart innen. Da spürst du mein Sprechen, und mein Singen ...“ Und sie singt ein kleines Lied, und ihre Stimme klingt so hell und mädchenhaft wie ich es nur von Kindern kenne. Ich denke, ist sie vielleicht noch etwas ein Kind? Ist es DAS, was ich an ihr liebe?
Dann: „nun streiche langsam nach unten, entlang meiner Körpermitte, über den Bauch und dann ..., doch nun sitzt DU da ja, und es geht nicht weiter.“
Frau Katharina lässt meinen Oberkörper, der in ihrem Arm liegt, nach hinten sinken. Es ist mir so, daß ich richtig hineinsinke, ich lasse in ihrem Arm versunken so manches los, an das ich mich sonst festklammere, zum Beispiel, daß ich für mich stark sein muß, das ich ICH bin und niemanden daran lassen darf ... Frau Katharina sagt. „wie weit möchtest du dich öffnen, wie frei und lose möchtest du sein?“
Ich tue einfach etwas, ich schiebe meinen Kleidsaum höher — als Enladung für Frau Katharinas Hand, weiter meinen Schenkel zu streichen. Ich schiebe ihn so hoch, daß die Schenkel oberhalb der Strümpfe frei werden, kühl wird es mir da nun, fast wie vorhin im Parkwind. Und Frau Katharina berührt mit einem Finger meine Strumpfhalterspange, „die blitzen ja wie aus Silber, so ein Schmuck!“
Verlegen sagt sie, „ich wünsche mir, daß du dein Kleid ganz nach oben ziehst, und deinen Unterrock auch — oh ist der schön, mit einer wundervollen Spitze, wie kommst du nur dazu?“ Den schwarzen Kleidrock und den weiten weißen Unterrock raffe ich hoch bis sich beide auf meinem Oberkörper häufen, möchte ich mal sagen, und an der Seite weit hinunterhängen. Nun ist mein Bauch, mein Nabel, alles ist bloß für Frau Katharinas Augen hingelegt, und ich fühle mich offen, fast als ob mein Körper sich öffnet ... eine winzige Erinnerung kommt auf, wie ich als ganz kleines Kind vor meiner Mutter lag und sie meinen nackten Leib einölte und streichelte. Es ist eine wehmütige Erinnerung, denn nun ist sie nicht mehr so zu mir.
Frau Katharina legt ihre Hand auf meinen Unterbauch — und ich habe das Gefühl, daß sich nun mein ganzes weibliches Leben unter ihrer Hand geschützt findet, meine ganze innerste Weiblichkeit ist hier besser geschützt als unter jedem Kleid.
Ja, dieser Unterrock mit den Spitzen: eine Tante hat ihn mir geschenkt, er ist aus ihrer Jugendzeit, sagte sie. Er ist aus einem derben Stoff geschneidert (keine Seide, oh nein, glücklicherweise nicht, denn Seide mag ich nicht so gerne auf der Haut), und sie hatte vorher eine breite Borte aus belgischer Spitze darangenäht, immer sichtbar, wenn mein Rock sich mal hochschiebt — beim Spielen und Laufen im Park, wenn ich in einem Sessel sitze oder auf einem Fahrrad, sogar im schnell fahrenden Karrussel ... „was für ein hübscher Unterrock, so viel richtige Fraulichkeit! — so bist du Weib“ wispert Frau Katharina.
Ganz aufgelöst, losgelöst liegt mein Kopf in Frau Katharinas Arm. Sie ordnet noch ein wenig meine Röcke, wie eine Mutter bei ihrer Tochter — „was für ein süßes Höschen du anhast — darf ich es mal ein wenig zur Seite schieben?“ Und mit ganz liebender und weicher Hand zieht sie es zu sich hin, und sieht sich voller mütterlicher Anteilnahme meine fast nackte mädchenhafte Vulva an — in mir ist Vertrauen und volle Hingabe, volle Liebe in meinen eigenen Körper, ja sogar meine Beine gehen ein wenig auseinander ... und alles ist nun an dieser Stelle, alle meine Aufmerksamkeit. Mein Unterkörper beugt sich sogar Frau Katharinas Blick entgegen — da öffnet sich leise die Terrassentür, und zögernd kommt Herr Baldhaus herein, „... darf ich?“
„Ja, du darfst, Isa ist auch offen für deinen Besuch, denn ich habe ihr gesagt, daß du voller Liebe bist. Und sie ist auch solch´ eine Liebevolle ...“
Erst will ich meine Hand über das legen, was Frau Katharina eben freigelegt hat, die Hand legt sich darauf, doch gleich zieht sie sich wieder zurück — und ich fühle eine noch weitere Offenheit und Freiheit, schließlich bin ich noch ein Kind, mit diesem Sehnen nach Anteilnahme, Anteilnahme von allen Menschen, und es sollte nichts zu verbergen sein — fühle ich. Ich brauche diese Anteilnahme. Das ist doch Kindsein — Anteilnahme brauchen, oder?
„Oh, Liebste, welch süßen Engel hast du da auf deinem Schoß liegen! Hat der Himmel dir einen Boten geschickt? — eine Botin?“
„Ach, diese kleine Isa ist meine geliebte Freundin — und wir lieben uns so innig, daß ...“ Und Frau Katharina streichelt das obere Viertel meiner Schenkel, wo sie nicht von den Strümpfen bedeckt sind, und wieder biegt sich mein Unterkörper ihr leicht entgegen — ohne daß die Anwesenheit des Mannes ihn aufhalten könnte.
„Liebste Katharina, du weißt, daß ich dieser Art Szenen schon immer mit der Feder, mit dem Pinsel festhalten möchte — und auch des öfteren festgehalten habe,“ und er sieht kurz auf das Bild an der Wand ..., „darf ich? ... darf ich, verehrtes Fräulein Isa? ... darf ich, liebstes junges Fräulein?“ Beide nicken wir zustimmend, und der Herr Baldhaus setzt sich auf einen Stuhl und beginnt mit ein paar Skizzen ...
... während Frau Katharina weiter erforscht, was sie findet. „Oh Isa, wer gab dir dieses entzückende Höschen, gewiß ein Liebster? Und wer gab dir diesen reizenden Strumpfhaltergürtel, in rosa Seide und mit breiten hellblauen Spitzen, gewiß dein Liebster, ja?“
„Ach nein, Frau Katharina, so einen Liebsten habe ich nicht. Ich nahm sie heimlich von meiner Mutti. Sie verbirgt sie in ihrer Schublade, die sie die Schublade meiner Kindheit und meiner Jugend nennt. Ab und zu darf ich mal hineinsehen und dieses und das anprobieren und mir erzählen lassen, wie es ihr als Kind erging. Sie muß da weicher gewesen sein als heute, heute ist sie so hart, ich meine hart für eine Frau ...
Sagen Sie, Frau Katharina, geht Erwachsenwerden so? ... härter werden?“ Aber sie sagt nichts dazu.
„Dieser Tage ist meine Mutti nicht da, und da ich mich für den Besuch bei Ihnen besonders schmücken wollte — schmücken als jugendliches liebendes Fräulein“ sage ich lachend, „habe ich mir diese Stücke einfach genommen. Sind sie hübsch, bin ich ausreichend geschmückt damit?“
Um Herrn Baldhaus kümmere ich mich gar nicht — wie ich später sehe, hat er uns tatsächlich in vielen Skizzen festgehalten, und Frau Katharina hat sich und auch mich in immer neue Situationen gebracht.
Langsam lässt ihr Arm meinen Kopf los, der sinkt ganz nach hinten, fast bis auf den Boden, doch da liegt ja ein weiches Kissen, das meine langen Haare auffängt. Ich schließe die Augen vor Genuß und Hingebung, manchmal werden meine Augen feucht vor Rührung, vor der Hingabe, der heilsamen Hilflosigkeit. Einmal nimmt Frau Katharina eine Strähne meines Haares und zieht daran, und gleichzeitig streicht ihre andere Hand an meinem Bauch, an meinem Schenkel nach unten, erst über die Haut, dann über das Strumpfhalterband und den Strumpf, und dabei spannt sich das Band und der Strumpf — ein erregendes neues Gefühl, ich fühle mich ganz als Kind. Und sie berührt ganz zart meine Vulva — und da ist es noch mehr: mich als Kind fühlen, aufgelöst.
„Darf ich dir mal einen eigenen, besonders hübschen Hüftgürtel schenken? Mit zwei Paar reizvollen Strumpfbändern dran, die du verstellen kannst? Mit Spitzen und Rüschen verziert,“ fragt mich Frau Katharina. Ich sage nichts, lasse mich nur noch mehr nach hinten sinken. Diese Hingabe, diese Liebe, große Liebe, sie erfüllt meinen zitternden Körper, und meine Seele zittert mit. Da ist nur Liebe in mir — „ich könnte in Liebe die ganze Welt umarmen“ — wie ich mal gelesen habe.
Frau Katharina streicht sanft über meinen Bauch, steckt auch mal ein paar Finger unter den Hüftgürtel, streicht unter ihm die Haut, und dann geht die Hand über den Gürtel hinweg und streicht weiter unten langsam weiter. Es ist wieder so warm — eine uralte Erinnerung kommt in die Klarheit: in anderen Zeiten, scheint mir, liege ich in einer dieser alten Wiegen, als ganz kleines Baby, auf goldenem Stroh und sonst nackt, und alles ist warm, und eine liebevolle Hand streichelt meinen ganzen Körper, und ich kreische vor Wonne.
Wie einem kleinen Kind zieht mir Frau Katharina mein leichtes Höschen ganz über die Beine nach unten, ganz aus und legt es auf einen Stuhl — ach, es ist ja gar nicht mein Höschen, ich hatte es ja aus Muttis Schublade genommen. Ich selbst habe nur solche häßlichen Schlüpfer ... Ganz nackt fühle ich mich nun und räkele mich auf Frau Katharinas Schoß — und lasse mich gleich wieder fallen. Ihre Hand liegt zwischen meinen Schenkeln, dort oben, wo die Strümpfe sie nicht mehr bedecken, wo alles nackt ist. Ja, wo alles FREI ist.
Nie wieder will ich ein Höschen anziehen, schon gerade nicht jene schrecklichen Schlüpfer. Die Nacktheit — verborgen unter langen Röcken — ist so natürlich, ich fühle mich so ECHT und rein wie nie zuvor. Hier bin ich ICH. Hier bin ich das 16-jährige Mädchen Isa. Da schützen mich meine langen und weiten Röcke vor allem, was mir gefährlich werden könnte — nur nicht vor einer willkommenen Brise der Natur; und das Waldmoos und die kleinen Tiere, die in ihm leben, ja, die Elfen und Nixen dürfen mir in den Rock sehen und mein Schönstes und Geheimnisvollstes und Mädchenhaftestes bewundern — so wie ich es auch selbst bewundere, und Frau Katharina es auch darf.
Frau Katharina beugt sich vor und küsst meinen Leib überall, wo ihre Lippen nackte Haut finden. Meine Vulva wird von ihren Küssen geehrt, meine Schenkel ... — ja, sie löst einen Strumpf und küsst die Haut bis zum Knie. Sie küsst das Haarbüschelchen oberhalb der Vulva (später sehe ich, daß Herr Baldhaus es auf den meisten Skizzen und Gemälden weggelassen hat — für seinen Stift bin ich noch eher ein Kind als eine 16-jährige sein kann).
Frau Katharina schiebt den Strumpfhaltergürtel nach unten um meinen ganzen Bauch mit Küssen zu ehren, und sie schiebt mein Kleid auch noch etwas hoch. Nur meine kleinen Brüste (ich wünsche mir, daß sie nie so groß werden) erreicht sie nicht, sie werden von der Hand liebevoll durch den Stoff getätschelt.
Langsam hebt Frau Katharina meinen Oberkörper wieder — ich tue wirklich gar nichts, lasse alles geschehen wie es geschieht, liege vertrauensvoll in ihrem Arm.
Meine Kleidung wird wieder geordnet — nur das Höschen zieht sie mir auf meinen Wundsch nicht wieder an. Auf Frau Katharinas Bitte geht Herr Baldhaus ins Bad und kommt zurück mit einem Waschlappen, den er naß getränkt hat mit warmem duftenden Wasser. Erst wäscht Frau Katharina mich zwischen den Schenkeln und dann mein Gesicht. Es ist so viel kindliche Freude, so viel kindlicher Genuß auf meiner Seite. Und so viel mütterliche Wärme auf ihrer Seite. Ob ich je sowas Schönes wieder erleben werde? Und schon lange — das entdecke ich nun — habe ich mich danach gesehnt, ohne daß ich mir dessen bewußt gewesen wäre ... nur ein dumpfes, stilles Sehnen war da. Sind das verlorene Kindheitserlebnisse? — nicht voll ausgekostet damals vor 10 oder 12 Jahren?
Später wird Frau Katharina einen kleinen seidenen Beutel holen und mein Höschen hineintun. Ich will es ihr als Andenken schenken, doch sie gibt es mir zurück, „du mußt es wieder in die Schublade zurücklegen, es gehört dir ja nicht. Und außerdem bauche ich kein Andenken, DU bist das Andenken, immer wenn ich dich sehe oder dein Bild in meine Träume kommt.
Ich setze mich vorsichtig auf und sehe erst jetzt richtig Herrn Baldhaus, wie er mit geschlossenen Augen auf einem Stuhl sitzt und sich von der Sonne bescheinen lässt, die aus dem Garten ihre Strahlen hereinschickt. Um ihn herum liegen lauter Skizzen in Rötelstift.
„Haben Sie uns schön gezeichnet?“ frage ich. — „Ach, meine Zeichnungen sind schön geworden, weil IHR schön seid, ein so schönes Paar von Mädchen und Frau.“ Später schenkt er mir ein kleines Gemälde, eines von den vielleicht zehn oder fünzehn, die er fleißig nach den Skizzen gemalt hat. Dieses kleine Bild ist in Pastelltönen gehalten, hellblau, rosa — und meine Strümpfe in feinem Grau, und wie ich ganz nach hinten übergelehnt auf Frau Katharinas Schoß liege.
Eigentlich, nach den üblichen Denkweisen, sollte mir das peinlich sein. Ist es aber nicht, denn ich sehe, daß seine Kunst viel höher ist als meine persönlichen Gefühle (außerdem ist mein Gesicht nicht zu erkennen). Ich hänge es in mein Zimmer, aber meistens hängt ein feines Tuch darüber, weil ich es für mich allein haben will.
Ich bin mal zu Herrn Baldhaus gegangen, und da hatte er für mich eine kleine Bilderausstellung in seinem Studio aufgehängt.
Es war schon sonderbar: da hing ich nun, ich meine meine Bilder. Und es hat mich sehr tief berührt, alle diese Bilder zu sehen. Ich lehne mich an die Wand, und unter meinem Kleid fängt mein Körper wieder an zu zittern, ich folge dem Bedürfnis, Kleid und Unterrock hochzuraffen und den neuen Strumpfhaltergürtel von Frau Katharina ein wenig zu ordnen, gerade und wieder auf die richtige Höhe zurechtzuziehen, freundlich sieht Herr Baldhaus zu mir hin und wieder in seinen Garten, und in die Sonne, die herbstlich sanft durch das Fenster scheint, „was bist du für ein schönes Mädchen,“ sagt er mit feiner Stimme. Und er macht wieder Skizzen für ein neues Gemälde, ich habe aber doch wieder ein Höschen drunter, und das ist gut, weil er mich bittet, mich für die neuen Skizzen mit hochgezogenem Bein so auf ein Bänkchen zu setzen, daß das Kleid sich zusammenfaltet und in der Bein-Neige sammelt. Ihr könnt das Ergebnis auf dem dritten Bild sehen, ich meine die Skizze. Denn ein Gemälde hat er davon auch gemacht, aber später, doch das hat er verkauft an ein Museum für Moderne Kunst. Ich werde nun ein wenig bekannt als Modell, obwohl auch hier mein Gesicht nicht zu erkennen ist. Auf den Bildern nennt er mich Theresia.
Auf Herrn Baldhaus´ Bildern empfinde ich mich als Mädchen, ganz als Mädchen, ganz als Frau (vielleicht eher als werdende Frau noch). An seinen Bildern habe ich endlich erkannt wie reizvoll und mädchenhaft schöne Strumpfhalter und Unterröcke sein können — wenn der Rock hochfliegt zum Beispiel, und da haben wir Frauen wohl unseren besonderen Spaß dran — wenn alle Kleidung darunter wirklich schön ist. Ich liebe es, wenn ich die Mädchen so ansehen kann — und sie mich so sehen. Ich merke, Mädchen sind mir wichtiger als Jungen, viel wichtiger.
Doch EINEN Mann beginne ich in diesen Wochen auch zu lieben: ja fast zu begehren, ohne es ihm zu gestehen: Herrn Baldhaus. Doch was heißt eigentlich „begehren“ für mich? Ich kann es nicht sagen, ich fühle nur die große Sehnsucht nach ihm, wenn ich nicht in seiner Nähe bin. Fast eine so starke Sehnsucht wie nach Frau Katharina.
Fast so oft wie ich Frau Katharina besuche gehe ich zu ihm. Nun ja, die zwei Wochen Herbstferien bei Frau Katharina waren für mich der Himmel. Auch Herr Baldhaus kam das eine oder andere Mal zu ihr — oder soll ich ZU UNS schreiben? Doch weil es ihm — wie er mir erklärte — nicht darum geht, MICH darzustellen sondern ein eher allgemeines Bild von junger Frau oder Mädchen zu erschaffen, hat er das Gesicht und machmal auch den Körper immer wieder verändert: er braucht lediglich Hinweise, sagt er, durch meinen Körper ...
Nicht nur, daß er so wunderbar die Seele der Mädchen malt, na ja, hauptsächlich MEINE Seele, die so angefüllt mit Offenheit und Liebe ist — mehr weiß ich ja nicht. Obwohl seine Mädchen äußerlich immer anders aussehen: ich finde MICH immer wieder in seinen Bildern — ist das übertrieben?
Bild 2 - Isa´s weißer Unterrock
Aber auch, weil ich in ihm einen Mann entdecke, der keinen stacheligen Schnurbart trägt (sondern einen sehr weichen), der nicht raucht — etwas so wichtiges für die Liebe. Meistens kleidet er sich in weiße oder beige lose Kleidung, eine weite Hose, ein weites Hemd, ein weiter beige Schlapphut, und um den Hals trägt eines seiner vielen Seidentücher, meistens in Pastellfarben. Doch trägt er auch gerne Röcke — ich wußte nicht, daß es Männer gibt, die Röcke tragen außer in dem berühmten Schottland.
— lange weite Röcke, die ihm eine Schneiderin näht, mit der er befreundet ist, und die Stoffe lässt er sich aus England oder Schottland schicken, diese schönen hellen karierten Tartan-Stoffe der schottischen Webereien wie er mir erklärt.
Irgendwann schenkt mir Herr Baldhaus einen solchen Stoff in beige und orange Tönen (ganz ohne schwarzen Faden darin), und er lässt mir ein langes, weites Kleid — mit Taille! — daraus machen, von seiner Schneiderin, in dem er mich oft malt. Mit einem blaß-grünen Seidentuch um die Taille oder den Hals geschlungen. Ich sitze dann in seinem niedlichen, grün bebuschten Garten auf einer Bank mit einem hellen Bastgeflecht als Sitz, das passt gut zu meinen dunklen Strümpfen, sagt er, oder auf dem Rasen oder auf einem Baum (es ist etwas schwierig, in so langen Gewändern auf einen Baum zu klettern).
Wenn es sich so ergibt, lässt er bei seinen Bildern die Betrachter auch unter meinen Rock blicken, ein wenig nur, damit alle meine „schönen Beine und Strümpfe“ — wie er sagt — auch recht genießen können, und die besonderen Unterröcke, die ich nach seiner Meinung trage: mit breitem Spitzenrand. Doch manchmal malt er mir ein gerüschtes Höschen an, und oft ein ganzes Bündel von von weißen Spitzen-Unterröcken. „So ergibt sich das Weibliche, das Mädchenhafte, ganz offen, leicht, hingebungsvoll — und meist doch verdeckt,“ sagt Herr Baldhaus. „Röcke sind offen, freundlich, Hosen aber sind zu, sie sind abweisend ..., wer DAS will, für den ist es auch richtig.“
Auch malt er Aktbilder von mir. Eher noch, wie ich älter bin, so um 18 und später .
Ich frage, „wieso lassen Sie denn die Haare weg?“ und er meint, „es ist wohl eine Sehnsucht darin, eine Sehnsucht danach, eine Art Mensch zu sein, die ich nicht sein kann, ich kann kein Mädchen sein — also male ich sie eben ... vielleicht ist es wohl DAS.“
Viele seiner Mädchen auf den Bildern — nicht nur mich malt er ja — tragen kurze Röcke oder Kleider, kürzer als es normal ist. Er mag es einfach so, dennoch hat er mir ein so langes Kleid machen lassen. „Wenn Sie eine Tochter hätten, wie lang müssten ihre Röcke dann sein?“ frage ich ihn. Doch er gibt mir keine Antwort, zuckt nur die Schultern und zeigt auf eines seiner Bilder, wo ein Mädchen ein langes Kleid trägt und lächelt dabei.
Herr Baldhaus liebt auch Frau Katharina, er sagt, „eigentlich liebe ich alle Menschen, ich meine, ich liebe alles, ich bin voller Liebe.“ Da verstehe ich ihn sehr gut, ich glaube, ich bin ihm da ähnlich. Und ich sehe die beiden je und je zusammen, nicht selten bin ich dabei, und wir fühlen uns wie eine kleine Gruppe, in der sich mütterliche und väterliche Gefühle finden, und ich erfühle meine Tochterrolle, meine Rolle als Kind — ja als ein Kind — ähnlich wie meine Traum-Familie, die ich mir oft vorstelle. Obwohl beide noch viel jünger sind als meine Eltern.
Und nun Aryaman´s Kommentar:
Balthus wird zuzeiten verstanden als ein Mädchenliebhaber, was in die Klasse Pädophile gesteckt wird. Ist Pädophile nicht ein schönes Wort: Mädchen-Liebhaber, Knaben-Liebhaber? Kinder-Liebhaber? Ist Liebe nicht etwas ganz Besonderes? Gibt es überhaupt ein lebenswertes Leben ohne Liebe? Isa sagt einiges dazu.
Gewiß war Balthus ein Mädchen-Liebhaber, warum nicht? Das Problem hat die heutige Zeit nicht in der Liebe (vielleicht doch?), sondern in der Gewalt, die oft mit Sex (aber nicht mit Liebe) verbunden ist, auch mit Kindern. Ob sexuelle Gewalt mit Kindern in geordneten Friedenszeiten wirklich so oft vorkommt wie es gesagt wird, weiß ich nicht, aber Gewalt ist ein allgemeines Thema dieser Zeit, auch im Frieden: Überall ist Gewaltausübung ein Weg, sich zu behaupten, sich durchzusetzen — auch gegenüber Kindern, und Kinder werden bereits früh zur Gewalt erzogen und angehalten.
Das aber muß Isa in dieser Geschichte nicht erleben. Weil sie ihr Leben liebt, ihr Leben als Kind liebt, gibt sie sich hin — doch unsere Gesellschaften würden darin immer die Gefahr von Gewaltanwendung riechen — deswegen wird mancher meine Geschichte als gefährlich beurteilen — und versuchen, alle Beteiligten von dieser Offenheit und Liebe abzuhalten ... mit dem Risiko, daß Isa ihr Kindsein nicht genießen und in die späteren Jahre mit hineinnehmen kann. Und es werden ihr wesentliche Erlebnisse fehlen, wie so vielen von uns.
Aryaman Stefan Wellershaus
Ma.Aryaman@gmx.de